Das Gros des deutschen Films könnte man genauso gut als Hörspiel veröffentlichen!
Statement von Tino Schwanemann zu „Africa Light / Gray Zone“
In letzter Zeit gab es viele Fragen zum Warum und Wie des Films. Warum wird eine so dramatische Geschichte in solch schönen Bildern erzählt? Wen möchte ich mit der recht tiefgehenden Thematik und dieser Symbolik erreichen? Richtet sich der Film nur an Intellektuelle? Muss man Filmwissenschaftler sein, um ihn zu verstehen? Wie soll er einer breiten Masse zugänglich gemacht werden? Interessenten traten an mich heran, um meine Meinung zu politischen Themen in Afrika und meine persönliche Absicht des Films zu erfahren. Als Resümee dessen sollen die folgenden Zeilen dienen.

AFRICA LIGHT / GRAY ZONE film poster
In Deutschland wird zu viel geredet und erklärt – vor allem im Film!
Dabei wird für mich der Zuschauer immer unterschätzt. Filme wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ (Regie: Stanley Kubrick), „Koyaanisqatsi“ (Regie: Godfrey Reggio), „Waltz with Bashir“ (Regie: Ari Folman) und „The Fall“ (Regie: Tarsem Singh) zeigen, dass man dem Zuschauer ruhig abverlangen kann, Bilder zusammen zu fügen, in einen Kontext zueinander zu stellen, zu interpretieren, ohne die Verbalkeule schwingen zu müssen oder das große Gefühlsdrama herauf zu beschwören. Aus diesem Grund ist “Africa Light / Gray Zone” ein von den Dialogen her ruhiger Film.
Ich fühle mich mittlerweile genervt, wenn ich Filme wie „Meine Heimat Afrika“, „Im Brautkleid durch Afrika“ oder ähnliche romantische Kitsch-Märchen sehe, die es einfach nicht verstehen, ein realistisches Bild, zum einen des Landes Namibia, zum anderen des Kontinents Afrika zu zeichnen und immer wieder dieselben Klischees auspacken. Mit „Africa Light – Gray Zone“ will ich versuchen, mit kleinen Mitteln zu zeigen, dass es eben auch anders geht. Er soll eben nicht eine aufgedrückte, persönliche Narration etablieren, andererseits genauso wenig ins oftmals wenig attraktive Dokumentarische abgleiten. Er pendelt genau dazwischen: Große Bilder mit vielen symbolischen Details, die subtil einen Handlungsstrang etablieren.
Klar, Afrika dient immer als Eye Catcher.
Uns allen sind die Bilder aus Äthopien, Angola und Ruanda präsent. Aber es ist für beschämend, dass sich viele das Thema Dritte Welt auf die Stirn tackern, um von der Presse beachtet zu werden. Angebliche Prominente fahren in arme Gegenden, zerquetschen ein paar Tränen, wollen ein Waisenhaus aufmachen, doch letztlich geben sie nur einen Scheck ab, wobei 60% des Geldes in Verwaltungsaufgaben und Bürokratie versickert. Doch eine eigene Meinung machen sich die wenigsten. Von Investigation ganz zu schweigen. Sind die Kameras verschwunden, ist der Promi es auch. Der aktuelle Fall Haiti zeigt auf, dass Medienpräsenz sogleich zu einem Spendenmarathon und zu Aktionismus skurriler Organisationen führt, sei es Scientology oder andere. Und genauso wie auch Haiti viele Jahre lang niemanden interessiert hat, tauchen die Bilder der Armut aus Afrika im jährlichen Abstand vor Weihnachten im TV auf: als Druck auf die Tränendrüse für das schlechte Gewissen?

Tino Schwanemann's Plädoyer für mehr Weitsicht?
Die Ignoranz der Realität setzt sich weiter fort. Nach dem Schema der Aussage George W. Bushs „Africa is a beautiful country“ erlebe ich den Umgang vieler mit Klischees. Seien es die stereotypen Plattitüden wie „Die weißen Farmer bringen den Schwarzen das Arbeiten bei, weil diese nicht intelligent sind, eigenes Land zu bewirtschaften..“ oder andererseits „Die Weißen beuten die Schwarzen nur aus“, und so weiter, und so fort. Mit Sicherheit gibt es in beiden Aussagen immer auch einen Funken Reales, aber die Wahrheit findet sich meistens in der Mitte, so hat es schon Axel Springer festgestellt.
Gerade im Zuge der einsetzenden Fußball-WM möchte ich diesen Film als Gegengewicht etablieren, der somit das Einseitige in die Mitte rückt. Mit ihm möchte ich dazu animieren, das südliche Afrika genauer zu erforschen, zu hinterfragen und nicht nur ein einseitiges Bild zu machen. Vor allem soll er sich an Touristen wenden, die ihren Blick nur auf die Flora und Fauna richten, dabei so hypnotisiert sind, dass sie alles andere verklären oder gar ignorieren. Der Film soll die Leute in Werbespot-Ästhetik anfangs mit schönen Bildern blenden, um sie gewissermaßen einzufangen, dann jedoch die Realität aufzeigen, die sich immanent um Strände, Stadien, Hotels abzeichnet. Ein gutes Bild macht sich eben, wenn man Schwarz und Weiß zu einem ganzen kombiniert oder gar noch um Farbe ergänzt.
Ich möchte mit diesem Film keine Fragen beantworten.
Das sollen andere machen, deren Job es ist. Ich möchte Fragen gekonnt aufwerfen! Und die für mich wesentlichste war immer, woher die Unruhen, die Armut und die Zerrissenheit des Kontinents rühren? Vor allem fand ich den Einfluss der sogenannten Ersten Welt auf die Dritte Welt immer interessant. Dieser war für mich vor allem in Namibia omnipräsent, als ich die Autowracks in der Wüste liegen sah, das übermächtige Bierwerbeplakat in den Slums mit der Aufschrift „You’ve earned it!“, die von Touristen überfahrene Giraffe in den Nationalparks, die verlassenen Häuser der Diamantensucher, die im Sand versickernden Eisenbahnschienen oder touristisch inszenierten Einheimischen. Die Götter müssen verrückt sein! Anstatt Coca Cola, gab es die Pepsi-Werbung auf den Wellblechen in Kattatura. All das waren Symbole für mich, die es treffender kaum artikulieren können. Nur die konkrete Artikulation dessen will ich dem Zuschauer überlassen. Ein Film funktioniert für mich dann am besten, wenn ich nicht alles auf dem Tablett liefern muss, sondern dazu animieren kann, dass sich jeder seine individuelle Meinung erschafft. Nur somit setzt sich jemand auch wirklich damit auseinander. Das Ziel ist es für mich, den Zuschauer zu animieren und nicht, ihm in seiner Popcorn-Lethargie im bequemen Sessel die ganze Arbeit des Denkens abzunehmen. Nebenbei: ich provoziere gern, um ihn, den Zuschauer, zu animieren.

Tino Schwanemann in Namibia: Eine prachtvolle Kulisse?
Warum gerade Namibia? Der Kontrast war für mich wegweisend.
Wo einerseits Angelina Jolie am Strand relaxt, und Britney Spears überlegte, ein Kind zu gebären. Wo eine so prachtvolle landschaftliche Kulisse ist, gibt es eben auch für alles ein Pendant. Wenn auch sehr versteckt. Christoph Schlingensief sagte einmal sinngemäß, dass Namibia das langweiligere Afrika sei, weil alles so gestellt und inszeniert scheint. Irgendwo richtig. Und doch sehe ich das genau aus diesem Grund ganz anders, auch wenn Schlingensief den Nagel ansonsten sehr auf den Kopf trifft (Link zu einem Interview). Woran kann man sonst die Entwicklung des Landes festmachen als an dessen Inszenierung. „An image is an image is an image…“ Nur ist ein Image immer die Summe aus Eigen- und Fremdbild. Es war für mich Zeit, diesen Film zu machen, weil das Thema der „afrikanischen Klischeewelt“ sonst nicht behandelt wird. Es ist mein Fremdbild. Das Eigenbild ist omnipräsent, vor allem im Moment, während die Fußball-WM vorbereitet wird.
Der Film „Africa Light – Gray Zone“ ist für mich eine Art Momentaufnahme aus subjektiver Sicht.
Er zeigt auch von der Dramaturgie her chronologisch auf, wie es mir in Namibia ging: zuerst geblendet und vollgepackt mit Klischees und pseudoromantischer Vorstellung, anschließend feststellend, dass nicht alles wie Gold glänzt, dann erforschend und neugierig, zu guter Letzt erbost über die mangelnde Empathie und die Taktlosigkeit sowie das geringe Verständnis der Ersten Welt für die Essenz aller Probleme, was ich als deren Protagonist irgendwo auch persönlich genommen habe. Der Tenor vieler: „Ist doch alles nicht so schlimm dort? Die machen sich ihre Probleme ja selbst! Im Grunde geht es denen doch blendend. Viel besser als uns.“
Nicht zuletzt wird die von Steffen Greisiger mit dem Filmorchester Babelsberg produzierte Musik dieser Intention gerecht. In Hollywood-Manier startet der Film mit allem, was ein Orchester zu bieten hat. Doch der Hybris folgt auch bald die Katharsis.
Tino Schwanemann, Januar 2010